Das Opfer und sein Henker

Der Tod von Dr. Hans Schmidt

Von Michael Frey

Hans Schmidt wurde am 20. Juni 1943 in Breslau geboren. Nach dem Besuch der Grund- und Oberschulen in Marksuhl und Eisenach (Abitur) arbeitete er beim Rat des Kreises und bei der Deutschen Notenbank in Eisenach als Volontär, studierte bis 1967 in den Fachrichtungen Statistik und Datenverarbeitung an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst und verteidigte dort 1970 seine Dissertation »Grundfragen der Verteilung des Nationaleinkommens im Sozialismus«.

Danach war er am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin als Assistent, Oberassistent und Hochschuldozent tätig. In dieser Zeit absolvierte er ein Zusatzstudium an der Leningrader Universität. 1976 habilitierte er zum Thema: »Grundzüge der Entwicklung der Preise und des Preisniveaus im Sozialismus« zum Dr. sc. oec. Von 1976 an arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sektor Wirtschaftswissenschaften des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen. 1980 wurde er als Hochschuldozent für Politische Ökonomie an die Humboldt-Universität berufen.

Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit bezog sich vor allem auf die Gebiete Geldtheorie, Preisniveauentwicklung, Kredite und auf die Wirkung monetärer Faktoren auf die Investitionsentwicklung. Um sich nach 1989 für die veränderten Bedingungen zu qualifizieren, nahm er an den Ringvorlesungen der Deutschen Bank, an den »Konjunktur«-Lehrgängen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsführung Berlin und an einem Studium im Rahmen des Erasmus-Programms der Universität Paris teil.

In einem Gutachten der Freien Universität Berlin hieß es 1992: »Herr Dr. Hans Schmidt, derzeit Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität Berlin, gehört zu jener kleinen, beachteten, die wissenschaftliche Diskussion befruchtenden Schar von Ökonomen aus der ehemaligen DDR, die dank ihres außerordentlichen Engagements und ihrer soliden theoretischen Grundkenntnisse schnell den Anschluß an den allgemeinen wissenschaftlichen Standard westlicher Universitäten erreicht haben.« Auch das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und die Wirtschaftsuniversität Wien würdigten das hohe theoretische Niveau seiner Arbeit, seine Einsatzbereitschaft und seine international beachtete Publikationstätigkeit.

Dennoch wurde ihm 1991 – wie zahlreichen anderen DDR-Wissenschaftlern – »wegen mangelnden Bedarfs und mangelnder fachlicher Qualifikation« ordentlich gekündigt. Der Kampf Hans Schmidts gegen diese Kündigung war lang und demütigend. Die Gutachten wurden als Gefälligkeitsleistungen abgewertet. Verleumdungen spitzten sich immer mehr zu; auch sie dienten dazu, ihn zu verdrängen. Die Rechtsanwältin Barbara Wilke informierte am 26.1.1995 die Universitätsleitung darüber, daß der Gründungsdekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, Prof.Dr.Drs.h.c. Wilhelm Krelle, der zugleich Vorsitzender der Struktur- und Berufungskommission war, ihr persönlich erklärt habe, er werde Herrn Dr. Schmidt unter allen Umständen von der Humboldt-Universität entfernen.

»Aufgrund dieser Verleumdungskampagne befindet sich Herr Dr. Schmidt seit vier Jahren in Arbeitsrechtsstreitigkeiten, ist in seiner beruflichen Entwicklung stärker behindert worden als zu DDR-Zeiten, und es ist sicher nach menschlichem Ermessen nachvollziehbar, daß dies nicht ohne gesundheitliche Schäden geblieben ist, zumal er seit langem schwerbehindert ist«.

Am 8. Mai 1996 nahm sich Dr. Hans Schmidt durch einen Sprung aus dem 13. Stockwerk seines Wohnhochhauses das Leben.

Wer war Wilhelm Krelle? 1935 bis 1945 Wehrmachtsoffizier, ab 1944 Generalstabsoffizier und zur Waffen-SS abgeordnet, SS-Sturmbannführer, in Griechenland an Kriegsverbrechen beteiligt, in der Bundesrepublik mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, Ehrendoktor der Humboldt-Universität nach 1990, eingefleischter Antikommunist.

Am 29.Juni 2004 wurde dem Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Dr. Thomas Flierl, ein Schreiben übergeben, in dem er gebeten wird, sich dafür zu engagieren, daß Wilhelm Krelle die Ehrendoktorwürde aberkannt wird: »Die Ihnen in Kopie übergebenen Dokumente belegen, daß der seinerzeitige Abwickler des Bereiches Wirtschaftswissenschaft der Berliner Humboldt-Universität, Prof. Dr. Wilhelm Krelle, hinsichtlich seiner Vergangenheit falsche Angaben gemacht hat. … Aus diesem Grund erscheint uns die Frage berechtigt, ob sich die für die Vergabe der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität zuständige Präsidentschaft der Humboldt-Universität weiterhin leisten kann, die damals erfolgte Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Krelle, dessen moralische Integrität mehr als nur fragwürdig ist, aufrecht zu erhalten, ohne dabei ihr eigenes und das Ansehen der deutschen Hauptstadt in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit zu beschädigen.«

Der Eingang dieses Schreibens wurde bestätigt. Wilhelm Krelle verstarb wohlpensioniert in seiner Bonner Villa am 23. Juni 2004 im Alter von 88 Jahren als einer der vielen für ihre Teilnahme an faschistischen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der BRD nicht zur Verantwortung gezogenen, strafrechtlich unbehelligt gebliebenen Nazi-Aktivisten. Die Humboldt-Universität widmete ihm ein »Ehrendes Gedenken«. Die Ehrendoktorwürde ist weiter aktuell.