Ein Abschiedsbrief

Verzweiflungstat zweier Antifaschisten: die Skandalpresse schlachtete den Freitod von Otto und Martha Fuchs im Februar 1992 genüßlich aus

Der Tod von Otto und Martha Fuchs

Von Kurt Neuenburg

In den frühen Morgenstunden eines Januartags im Jahr 1992 besetzten mehrere Polizisten die Wohnung des Ehepaares Fuchs in der Grunaer Straße 12 in Dresden und verhafteten Otto Fuchs. Seine Frau Martha, eine Jüdin, die KZ-Häftling gewesen war, erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch. Sie glaubte, Faschisten drängen – wie nach 1933 – wieder bei ihr ein. Die furchtbaren Erlebnisse der Nazizeit waren plötzlich wieder lebendig. Mit einem schweren Schock wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert.

Die Leipziger Staatsanwaltschaft erhob gegen Otto Fuchs Anklage wegen Rechtsbeugung und Mord. Er war 1950 in den Waldheim-Prozessen gegen Kriegsverbrecher und Naziaktivisten Vorsitzender Richter gewesen. Man warf ihm vor, Unschuldige zum Tode verurteilt zu haben. Mit Hilfe seines Anwalts kam er für einige Zeit aus der Untersuchungshaft frei. Um den Leipziger Richtern nicht die hämische Genugtuung an »seiner langsamen und qualvollen prozessualen Hinrichtung zu ermöglichen« (1), schrieb er gemeinsam mit seiner inzwischen aus dem Krankenhaus entlassenen Frau einen Abschiedsbrief an seinen Anwalt:

»Sehr geehrter Herr Bergschulte, ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft und Unterstützung, um aus der Haft freizukommen. Dadurch war ich in der Lage, meiner schwerkranken Frau zu helfen. Unsere Ehe war so schön und wird vermutlich durch dieses politische Strafverfahren zerstört. Meine Frau würde eine Trennung von mir nicht überstehen. Ich versichere Ihnen, daß wir in meiner Strafkammer nur Kriegsverbrecher verurteilt haben und bin mir sicher, daß wir uns über kein Urteil schämen müssen. Alle Zeichen deuten aber darauf hin, alles ins Gegenteil zu verkehren und in einem Schauprozeß mich zum Verbrecher zu stempeln.

Ich glaubte, auch diesen Vorwürfen widerstehen und sie entkräften zu können. Leider habe ich feststellen müssen, daß ich sowohl körperlich als auch geistig diesen Anforderungen nicht mehr gewachsen bin. Ich muß auch die gesamte Situation berücksichtigen, wie sie sich in der Presse widerspiegelt, in der eine Vorverurteilung schon vorprogrammiert ist. Heute, nach einer langen Periode der Naziverbrechen, fühlen sich doch alle – und sind sie auch noch so schwer belastet – als völlig unschuldige Menschen. Die Verdrängung ging und geht ja so weit, daß Auschwitz als Lüge hingestellt wird. Wie einfach ist da eine individuelle Schuld zu leugnen. Zumal jetzt die Tendenz überall bemerkbar wird, alles nachzuholen, was man 1945 hätte aufarbeiten müssen.

Unter solchen Bedingungen und der Vermutung, daß die Richter aus den alten Bundesländern kommen, wo die Nichtverfolgung von Naziverbrechen übliche Praxis war, ist für unsere Beurteilungen solcher Verbrechen wenig Verständnis zu erwarten. Sie sind vermutlich auch junge Menschen, die den faschistischen Krieg mit seinen scheußlichen Verbrechen sich kaum vorstellen können. Nach gründlichen Überlegungen sind wir beide, meine Frau und ich, uns einig geworden, über uns selbst zu entscheiden. Wir haben gemeinsam unser bisheriges Leben gestaltet und wollen es auch weiter tun.
Otto Fuchs« (2)

Danach sprangen Otto und Martha Fuchs am 13. Februar 1992 um 23.15 Uhr vom Balkon aus dem siebten Stock in den Tod. Die Skandalpresse griff den Fall genüßlich auf. Otto Fuchs war natürlich »Todesrichter«, der sich der Gerechtigkeit durch Selbstmord entzog; die Körper der beiden seien »völlig zerschmettert« worden.

Friedrich Wolff, Rechtsanwalt und Menschenrechtspreisträger der GBM, schrieb dazu, die Zahl derer, die sich unter dem Eindruck der Strafandrohungen und Diskriminierungen das Leben nahmen, habe niemand gezählt, der Selbstmord des Ehepaares Otto und Martha Fuchs kennzeichne den psychischen Druck, der auf den Verfolgten lastete. (3) Der Mitangeklagte 87jährige Otto Jürgens wurde nicht wegen konkret nachgewiesener Straftaten, sondern wegen seiner Gesinnung verurteilt. Der Vertreter der Anklage ließ noch kurz vor Verkündung des Urteils die Anklage wegen Mordes auf Totschlag, wenig später auf schwere Freiheitsberaubung zusammenschrumpfen. Die Verteidigung, im wesentlichen mit den Ausführungen der Staatsanwaltschaft einig, plädierte auf Freispruch aus formalen Gründen. (4) Otto Jürgens, der bereits 1933 von der Gestapo verhaftet und gefoltert worden war, wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung, zu 6000 DM Geldstrafe und zur Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt. (5) In seinem Schlußwort sagte er mit einem Blick auf den leeren Platz auf der Anklagebank: »Hier hätte Otto Fuchs sitzen müssen. Die Naziverbrecher, die in Waldheim abgeurteilt wurden, hatten ihre Strafe mehr als verdient. … Mein fester Wille war es damals, beim demokratischen Aufbau immer auf der Seite des Rechts und der Wahrheit zu stehen.« (6)

Der französische Publizist Gilles Perrault resümiert über die gegenwärtigen deutschen Zustände: »Die Politik der Zerstörung der Erinnerung … ist in erster Linie ein Verbrechen, eine zweite Ermordung derjenigen, die in den Händen der Nazis das Martyrium erlitten haben. … Wir wissen aus harter Erfahrung, daß der Hitlerfaschismus das absolut Böse ist. Wenn das sogenannte neue Deutschland diejenigen verleugnet, die ihn bekämpft haben, wie sollte man sich nicht mit Beklemmung die Frage nach der wahren Natur dieses Deutschlands stellen?« (7)
Das Ehepaar Fuchs war kinderlos. Martha Fuchs war als Jüdin in der Nazizeit sterilisiert worden. Ihr Vermögen vermachten beide dem Kinderhilfswerk UNICEF.

Anmerkungen:
1 Hitlers zweimal getötete Opfer. Westdeutsche Endlösung des Antifaschismus auf dem Gebiet der DDR, Hrsg. Von Monika Zorn. Mit einem Geleitwort von Gilles Perrault, Freiburg 1994, S. 360
2 ebenda
3 Friedrich Wolff: Einigkeit und Recht. Die DDR und die deutsche Justiz, Berlin 2005, S. 177
4 Hitlers zweimal getötete Opfer, a. a. O., S. 360
5 Friedrich Wolff: Einigkeit und Recht, a. a. O., S. 177
6 Hitlers zweimal getötete Opfer, a. a. O., S. 360
7 ebenda, S. XIV, XV