Opfer der Konterrevolution 1989/1990

Hier einige Beispiele, stellvertretend für unzählige andere, für die Opfer der Konterrevolution sogenannter „Bürgerrechtler“ und „Oppositioneller“.

Das Sterben der Unseren

Ein neuer Blick auf eine Massenerscheinung.

Von Peter Michel

Der Jenaer Historiker Prof. Dr. Manfred Weißbecker schrieb am 30. Juni 2006 an die Icarus-Redaktion: »Als ich nach der >Wende< einen westdeutschen Kollegen auf das Problem hinwies und meinte, es seien doch wohl schon viel mehr Opfer zu beklagen als an der Mauer, erkundigte sich dieser bei der Gauck-Behörde und erhielt als Antwort: >Darüber führen wir keine Statistik!< Umso notwendiger erscheint mir, daß etwas von uns getan wird. Vielleicht wird durch Ihre Publikation ein Anlaß geboten, nicht nur die bekannten Fälle ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu bringen, sondern auch die vielen unbekannten. Ich erfuhr in Thüringen z. B. den Fall eines Jenaer Schuldirektors, der aus dem Unterricht geholt, mit dem berüchtigten IM-Vorwurf konfrontiert wurde und danach den Freitod suchte. Sein Name: Menger. Außerdem weiß ich, daß die Tochter meines früheren Lehrers Hennike in Erfurt Selbstmord beging.«

Vollständiger Sinnverlust

Eine ganze Reihe von Beispielen tauchte in der Zeit der »Wende« in den Medien auf oder spielte auch später in Buchpublikationen und persönlichen Gesprächen eine Rolle: Atti Griebel wies in einem Leserbrief auf den Poeten Hanns Cibulka hin, der zu den »Wende«-Opfern gehört (Neues Deutschland v. 4. November 2004). Manfred Gebhardt, der frühere Chefredakteur des Magazins, veröffentlichte im Februarheft 1990 seiner Zeitschrift einen ausführlichen Beitrag über den verzweifelten Tod seines Freundes Herbert Heber, der den Druck und die Verleumdungen am Ende der DDR nicht mehr aushielt. Leonhard Kossuth, ehemals Lektor im Verlag Volk und Welt, würdigte in seinen autobiographischen Erinnerungen seine langjährige Sekretärin Renate Wittke, die den Verlust von Arbeitsstelle, Arbeitskollektiv und Lebensinhalt nicht ertrug, sich am 8. November 1990 vor die S-Bahn warf und am 12. Dezember 1990 auf dem Friedhof in Berlin-Grünau beigesetzt wurde.

Auch der Arbeitsmediziner und Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Lichtenberg Dr. Rudolf Mucke sprang am 15. Januar 1995 von einer Eisenbahnbrücke zwischen Treptow und Neukölln in den Tod; er hatte weder der FDJ noch der SED angehört, das MfS hatte 1976 Werbungsversuche wegen »dekonspirativen Verhaltens« aufgegeben; dennoch hielt die »Ehrenkommission« seiner Arbeitsstelle, der Berliner Charité, eine weitere Beschäftigung für »unzumutbar«; einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht (vgl. Berliner Zeitung vom 17., 20. und 25./26. Februar 1995). Der Bezirksapotheker von Berlin Dr. Aribert Brückner schied am 24. November 1991 aus dem Leben, weil er nicht die Kraft hatte, die »Wende« zu überstehen.

Zu den »Wende«-Opfern gehören Hanno Coldam (Heinz Matloch), Raubtierdresseur der international bekannten Löwen-Gruppe des VEB Zirkus Aeros; der Grafiker Thomas Schleusing, Schöpfer der liebenswerten Titelbilder des Jugendmagazins Neues Leben, der mit den Nachwende-Verhältnissen an seiner Arbeitsstelle, der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, nicht mehr zurechtkam; der sensible Grafiker Christoph Ehbets aus Berlin-Köpenick, der vor allem durch seine Cover beim VEB Deutsche Schallplatte bekannt wurde und dessen Fähigkeiten als Zeichner und Gestalter nun nicht mehr gebraucht wurden. Zu denen, die zu ehren sind, zählen auch Lothar Weber, ehemaliger 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt; Franz Rydz, DTSB-Vizepräsident; Reinhard Naumann, Pfarrer in Schmalkalden; der bekannte Arzt Prof. Dr. Eckard Ulrich aus Halle; der LPG-Vorsitzende Helmut Dube aus Rieder am Nordrand des Harzes, der sich erschoß und in seinem Abschiedsbrief schrieb: »Diejenigen mögen auch einmal die gerechte Strafe erhalten, die mich zu diesem Schritt trieben.«

»Wende«-Opfer ist auch die Jugendbildungsreferentin der Evangelischen Akademie Meißen Anne-Kathrin Krusche, die an einer Überdosis Tabletten starb und deren Freitod von der Journaille auf schamlose, sensationsgierige Weise mißbraucht wurde. Schließlich gehören m. E. auch jene zu diesen Opfern, bei denen schleichende Krankheiten unter unerträglichem psychischem Druck zu galoppieren begannen – wie bei Prof. Gerhard Kettner, ehemaliger Rektor der Kunsthochschule Dresden und hervorragender Zeichner, der an Krebs verstarb, bei Prof. Dr. Heinrich Dathe, der auf unsäglich ehrlose Weise aus seiner verdienstvollen Arbeit als Direktor des Berliner Tierparks verdrängt wurde, oder beim Maler Prof. Dieter Rex, der in seinem Heimatort Bad Frankenhausen vereinsamte und an einem Herzversagen zugrunde ging. Die Beispiele sind Legion. (...) Menschenrechtsfragen

Genaue Statistiken wird es nicht geben. In der ach so freiheitlichen Demokratie besteht daran kein wirkliches politisches Interesse. Auch hinter manchem Unfall kann sich ein Selbstmord verbergen. Die Nachrichtenagentur AFP veröffentlichte die Information, daß sich 1990 in den neuen Bundesländern 4 294 Menschen selbst töteten; allein in Potsdam sei die Zahl der Selbstmorde von 126 (1989) auf 202 im Jahr 1990 angestiegen (Berliner Zeitung v. 18.2.1991). Ob diese Zahlen vollständig sind, ist zu bezweifeln.

Wer zu den wirklichen Gründen vordringen will, darf sich nicht auf psychische Aspekte beschränken. Immer gibt es einen untrennbaren Zusammenhang von gesellschaftlichen und individuellen Ursachen. Und immer muß sich eine solche Analyse ihrer menschenrechtlichen, humanistischen Aufgabe bewußt sein. Ein quasi-ethnographischer, distanzierter oder pseudosoziologisch fixierter Blick auf diese Massenerscheinung ist vollkommen unangemessen. Er beleidigt die Toten. Der »Suizidexperte« Udo Grashoff betonte in einer seiner Untersuchungen, von 1989 bis 1991 sei die ostdeutsche Suizidrate um rund zehn Prozent angestiegen; die typischen Selbstmörder der Nachwendezeit seien »ganz normale Leute« gewesen, die plötzlich ihren »Job« verloren hatten und oft zu Recht fürchteten, nie wieder einen zu bekommen.

Der Artikel in der Zeitschrift Focus (Nr. 19/2006, S. 51/52), der Grashoffs Arbeit vorstellt, verschleiert die Hauptgründe, die viele in den Selbstmord trieben: vollständiger Sinnverlust des Lebens, der von nicht wenigen als unerträglicher Begleitumstand des Scheiterns ihrer Gesellschaft empfunden wurde, Stasi-Hatz, Berufsverbote und Massenarbeitslosigkeit, die eben mehr ist als »Job«-Verlust. Dieser Aufsatz erschien unter der Überschrift »Das Sterben der Anderen«. Es sind die Unseren.

Und gegenwärtig? Am 29. August 2006 beschäftigte sich der Hauptausschuß der Stadt Frankfurt (Oder) mit dem Selbstmord des 34jährigen Tim S., der sich am 16. August aus dem Fenster seiner Wohnung gestürzt hatte, weil er wegen 885 Euro Mietschulden auf die Straße gesetzt werden sollte. Die Polizei gab an, er sei »ohne Einwirkung Dritter aus dem Fenster gefallen«. In der Tagespresse war zu lesen: »Der ALG-II-Bezieher wäre in 22 Monaten schuldenfrei gewesen. Die städtische Wohnungsgesellschaft befand jedoch, dieser Zeitraum sei >nicht überschaubar< und verfügte die Räumung. … Der Oberbürgermeister … sagte, S. habe offenbar kein Vertrauen mehr gehabt, daß ihm trotz pünktlicher Zahlung von Miete und Schuldenrate seine Wohnung erhalten bleibt. … Es zeige sich, daß Herr S. nicht über ausreichende Fähigkeiten verfügte, mit seinen Unterstützungsansprüchen sachgerecht und zeitgerecht umzugehen« (zit. n. jW v. 21.8.2006). Der Tote ist also selbst schuld.

Alle drei Minuten versucht in Deutschland jemand, sich das Leben zu nehmen, alle 47 Minuten bringt sich jemand um. Über 11 000 Menschen sterben jährlich durch eigene Hand. In den Jahren der »Wende« lag diese Zahl offenbar noch weit höher. Am 10. September gab es den Welttag der Suizidprävention. Die gesellschaftlichen, politischen Ursachen zu erforschen und sie zu beseitigen, bleibt eine ständige Aufgabe. Sie von Menschenrechtsfragen zu trennen, ist nicht möglich.